Geistliche Übungen – hörend werden

Sch’ma Israel – „Höre Israel“ so beginnt das jüdische Gebet und Glaubensbekenntnis (5. Mose 6,4–9), was mindestens zweimal am Tag gebetet wird. „Höre Israel, der Herr ist Gott…
Der heilige Benedikt beginnt seine bis heute aktuelle Regel mit „HÖRE“: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat!“
Und wie oft sagen Eltern und Lehrer: „Hör doch mal zu…“ 🙂

Warum fällt uns das echte Hören, das wirkliche Zuhören so schwer?
Und das nicht nur bei unseren Mitmenschen.
Hören wir, was Gott uns sagen will?
Wir reden davon, dass beten nicht nur reden, sondern auch hören ist.
Wir wollen „auf Gottes Wort hören“… Aber hören wir wirklich? Sind wir nicht oft nebenbei mit vielen anderen Gedanken beschäftigt?

Ich kann nicht wirklich zuhören, wenn um mich herum und in mir drin Unruhe ist, wenn ich in Eile bin, nebenbei an das denke, was noch zu tun ist… Aber auch, wenn ich Vorurteile habe, wenn ich mich angegriffen oder verletzt fühle und in „Verteidigungshaltung“ bin… Oder wenn mir das, was der andere zu sagen hat, gerade nicht wichtig erscheint, ich noch ganz mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt bin… Es gibt erstaunlich viel, was echtes Hören behindert.

Was mich hindert auf andere Menschen zu hören, behindert mich noch viel mehr auf die leisen feinen Impulse zu lauschen durch die Gottes Heiliger Geist mich leiten will. Ich kann nur immer wieder versuchen, in die Stille zu kommen, aufmerksam zu werden, empfangsbereit. Ich glaube, diese Grundhaltung des Empfangens einzuüben ist entscheidend. Ich muss nicht alles im Griff haben, alles unter Kontrolle haben, sondern offen sein für das, was kommt.
„Neige das Ohr deines Herzens“

Es gibt verschiedene Übungen, die mir dabei helfen können:

1. Innehalten und Verweilen
Oft versuche ich, so viel wie möglich in kürzester Zeit unterzubringen – und manchmal geht das im Alltag auch schlecht anders. Aber um das Hören und Offensein für Gott einzuüben, muss ich innehalten und runterfahren. Ich persönlich brauche da manchmal ziemlich lange dafür. Deshalb suche ich mir bewusste Auszeiten: kurze Stille Zeiten im „normalen“ Alltag (was mir ehrlicherweise nicht immer gelingt, aber das Beten der Laudes am Morgen oder das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ am Abend ist so eine kleine Auszeit) und mehrmals im Jahr eine längere Zeit von einem bis mehrere Tage. Ich brauche äußere Ruhe, um innerlich zur Ruhe zu kommen. Und als extrovertierter Mensch brauche ich das „In-mich zurückziehen“, das Alleinsein mit Gott und mir. Die Angst, etwas zu verpassen und die liegengebliebene Arbeit machen das nicht immer leicht. Aber wenn ich mich zurückgezogen habe, ist das nicht verlorene, sondern immer gewonnene Lebenszeit.
Die Andreasschwestern, die in Taizé Wochen der Stille gestalten, haben uns am ersten Tag einen eigentlich einfachen Tipp gegeben zum „Runterfahren“ – wir sollen alles ganz langsam und bewusst machen: langsam laufen, langsam essen und genießen… Innehalten, verweilen, nicht gleich „weiterrennen“ auch nicht bei den Bibeltexten.

Nicht das Vielwissen
sättigt die Seele und befriedigt sie,
sondern das Verspüren und Verkosten
der Dinge von innen her.

Ignatius von Loyola

2. Entspannen
Wenn ich entspannt und gelöst bin, bin ich offener und kann viel eher hören. „Wer es übt, sich zu entspannen, übt damit gleichzeitig ein Empfangender werden zu können… Ich darf ja gelöst sein, weil ich erlöst bin. Dadurch, dass ich mich entspanne und löse, nehme ich die Wirklichkeit meines Erlöstseins an.“ (Karin Johne „Geistlicher Übungsweg für den Alltag“)
Körper und Seele hängen zusammen. Gott hat uns als Menschen mit unserem Körper geschaffen. Gott selbst ist in Jesus Mensch geworden. Wir sollen Gott lieben mit allen Kräften unseres Wesens (Mk. 12,30) … Deshalb können körperliche Übungen auch unserer Seele guttun. Karin Johne schlägt vor, sich entspannt hinzusetzen oder flach auf den Rücken zu legen und die „Hauptverspannungszentren“ meines Körpers wahrzunehmen.
Ich lockere (physisch und auch psychisch)
– meine Stirn (und meinen Eigenwillen, dass ich „mit dem Kopf durch die Wand will)…
– meine Augen (dass ich meine, alles „einsehen“ zu müssen)…
– mein Gehirn (dass ich alles verstehen will)…
– meinen Unterkiefer, die Zähne (alles, was mich „die Zähne zusammenbeißen“ oder „mit den Zähnen knirschen“ lässt)…
– die Zunge (dass ich meine, alles sagen zu müssen)…
– meinen Hals (meine „Halsstarrigkeit“)…
– meinen Nacken (alle ungute „Hartnäckigkeit“)…
– meinen Schultergürtel (alle offene und verdrängte Angst)…
– meinen linken, dann meinen rechten Arm – bis hinunter in die Hand (dass ich meine, alles „begreifen“ oder „in den Griff bekommen“ zu müssen)…
– meinen Magen (alles, was mir „im Magen liegt“)…
(aus Karin Johne „Geistlicher Übungsweg für den Alltag“)

3. Mit allen Sinnen auf Gott ausrichten
Es gibt ein wunderschönes Lied von Gerhard Tersteegen: Gott ist gegenwärtig
HIER ist der ganze Text.

In der 6. Strophe heißt es:

Wenn ich mich innerlich so auf Gott ausrichte und „alles um mich herum vergesse“ bin ich empfangsbereit und offen für IHN. Ich „neige das Ohr meines Herzens“.

PS. HIER geht es zum „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“





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