Fast hätten Julia und Jonas sich darüber gestritten, ob die Geschichte von Meister Thomas an dieser Stelle zu Ende ist oder nicht. Doch dann kamen ihnen einige andere Ideen.
Zuerst malten sie das letzte Fensterteil aus. Dann holte Julia aus der Küche einen großen Bogen Butterbrotpapier und legte ihn über alle sieben Baupläne. Jonas wußte zuerst nicht, was das sollte. Aber als Julia alle Linien des nun fertigen Fensters auf das Butterbrotpapier durchpauste, war auch Jonas begeistert.

So konnten sie alle Baupläne noch einmal ausmalen. Und jeder konnte dann das fertige Bild zu Hause in ein Fenster hängen. So konnten sie wenigstens sehen, wie das fertige Fenster ausgesehen hätte.
Trotzdem waren sie noch traurig, dass Meister Thomas sein Fenster nicht bauen konnte.
„Weißt du was“, sagte Jonas plötzlich, „ich möchte jetzt gerne noch einmal zur Kirche gehen und mir die fertigen Teile ansehen.“ Julia war einverstanden. Und so machten sie sich auf den Weg. Doch als sie um die Kirche herumgingen, machten sie eine furchtbare Entdeckung:
Das ganze Fenster war mit einer weißen Folie verdeckt. Beide rannten so schnell sie konnten um die Kirche herum. Die Kirche war offen – also nichts wie rein und hinter den Altar. Keiner von beiden konnte ein Wort sagen. Das Fenster war weg! Da war weder Glas, noch Farbe! Und die Folie verdeckte einfach ein Loch in der Wand. Es war fast so, als ob es das Fenster nie gegeben hätte.
„Was soll das? Was passiert hier?“ fragte Julia nach einer Weile.
„Keine Ahnung! Vielleicht haben wir das alles nur geträumt?“ antwortete Jonas. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und griff nach oben – aber da war wirklich nur die Folie. Doch in dem Moment klirrte etwas leise auf dem Fußboden. War etwas heruntergefallen? Vielleicht eine Glasscherbe? Ein Rest des Fensters?

Doch dann hob Julia einen Ring auf. Er war groß und passte ihnen nicht. Und dann entdeckten sie es: zwei verschnörkelte Buchstaben:
„Ich werd verrückt…“, sagte Julia. „M und T. Das ist der Ring von Meister Thomas!“
„Den dürfen wir aber nicht mitnehmen“ Jonas legte den Ring vorsichtig auf das Fenster zurück.
Eins war jetzt klar: Die Geschichte mit dem Fenster konnte kein Traum sein! Und trotzdem war das Fenster weg. Wieso?
Nachdenklich gingen sie wieder zurück zu Julia. Vor der Zimmertür blieb Jonas plötzlich stehen. „Ich bin mir ganz sicher, dass ich die Tür vorhin zugemacht habe!“, sagt er. Aber jetzt stand sie weit offen. Beide stürmten in das Zimmer. Es sah aus wie immer. Doch auf dem Butterbrotpapier mit den Bauplänen für das Fenster lag ein Zettel.

Es war dasselbe alte Papier, das sie schon kannten. Und auch die Handschrift war die von Meister Thomas…
Mk – das musste was aus der Bibel sein. Schnell suchten sie die Stelle. „Das ist die Geschichte von Ostern!“, meinte Julia, als sie den Text gelesen hatte.
„Am Wochenende ist Ostern!“ antwortete Jonas. „Aber was bedeutet das?“
Julia las den Text noch einmal. „Vielleicht will Meister Thomas, dass wir Ostern bei Sonnenaufgang zur Kirche kommen?“
„Aber warum?“ Jonas zuckte die Schultern. „Da kann man schon mal länger schlafen, warum sollte ich da früh aufstehen?“
„Weil du sonst nie erfährst, wie die Geschichte mit Meister Thomas wirklich zuende gegangen ist.“, antwortete Julia.
Das war wirklich ein guter Grund und ausschlafen konnte Jonas ja am Montag. Und so verabredeten sie sich, ihre Wecker auf 4 Uhr zu stellen.
Sie trafen sich an der Kirche. Das war ziemlich gruselig. Es war noch dunkel. Doch plötzlich kam aus der Kirche ein seltsamer Gesang. Es klang unheimlich. Gleichzeitig drang ein schwaches Licht durch das Fenster.
Julia und Jonas starrten wie gebannt auf die Kirche. Der Gesang wurde kräftiger und fröhlicher und auch in den Fenstern wurde es immer heller. Langsam und vorsichtig gingen die beiden um die Kirche herum – und blieben plötzlich wie angewurzelt stehen. Die Folie vom Fenster hinter dem Altar war verschwunden. Dafür strahlte dort jetzt ein Fenster in den schönsten Farben:

Im gleichen Moment klang ein lautes „Halleluja“ aus der Kirche.
Die beiden starrten immer noch mit offenem Mund auf das Fenster, als plötzlich jemand hinter ihnen sagte: „Ich wünsche euch ein frohes Osterfest! Der Weg des Meisters ist noch lange nicht zu Ende!“
Erschrocken fuhren Julia und Jonas herum. Vor ihnen stand…. Matthias! Eigentlich Onkel Matthias – ihr Patenonkel.
Julia und Jonas waren immer noch ganz blass vor Schreck, als Matthias sagte: „So ähnlich müssen damals die Frauen geschaut haben, als sie von der Auferstehung erfuhren.“
Er nahm Julia und Jonas in den Arm. „Na, habt ihr das Rätsel gelöst?“
„Nicht ganz“, gab Jonas zu. „Da waren die Zettel und die vier Fensterteile. Dann war das Fenster weg. Und jetzt ist es plötzlich wieder da – ganz und viel schöner als vorher.“
„Und wer ist dieser Meister Thomas? Er lebte im Mittelalter und schreibt uns heute Briefe. Das geht doch gar nicht!“ Auch Julia war noch ratlos.
„Mhhh… und was, wenn es doch geht? Was, wenn ihr das Rätsel ganz einfach lösen könnt?…“
„Moment mal…“, unterbrach Jonas ihn plötzlich. „Woher weißt du eigentlich von dem Rätsel?“
Matthias wollte gerade antworten, als Julia seine Hand festhielt. „Aber das ist doch…“ Ihr stockte der Atem.

Matthias trug einen Ring – DEN Ring! M und T!
„Du bist…?“ stotterte Julia.
„Ich bin Matthias Thomas. Glasermeister und Patenonkel.“, sagt Matthias schmunzelnd.
„Bist du Meister Thomas?“ Jonas wollte es jetzt wissen. Matthias lächelte. „Ja und nein. Ich bin Glasermeister Thomas. Aber ich bin nicht der Meister Thomas aus dem Mittelalter. Das war einer meiner Vorfahren. Vor einiger Zeit entdeckte ich sein Tagebuch und da hatte ich diese Idee…“
„Die Idee, das Fenster zu bauen?“
„Ja und die Idee, euch ein besonderes Geschenk zu Ostern zu machen“, antwortete Matthias. „Ich wollte, dass ihr selber auf Entdeckungsreise geht, dass ihr selber die Geschichten in der Bibel findet und lest. Jetzt könnt ihr das Fenster besser verstehen. Und ihr habt gemerkt, wie spannend die Bibel und die Geschichte sein kann. Wie spannend es ist, wenn Menschen Geschichten aus der Bibel erzählen und versuchen, danach zu leben. Wir können den Weg des Meisters mitgehen.“
Pingback: Der Weg des Meisters – 6 – Die halbe Wahrheit | KK-Ideen